Die Chemie der Pre-Infusion: Was in den ersten zehn Sekunden im Puck passiert

Extraktion 1×1

Die Chemie der Pre-Infusion: Was in den ersten zehn Sekunden im Puck passiert

«10 Sekunden Pre-Infusion verdoppeln den Körper» – diesen Satz liest man oft. Wir haben nach der Quelle dafür gesucht und keine gefunden. Was es stattdessen gibt, ist seit 2025 etwas viel Spannenderes: Röntgenaufnahmen davon, was im Puck tatsächlich passiert.

Kurz gesagt

Die Wasserfront braucht 5 bis 10 Sekunden, um den Puck zu durchdringen und die eingeschlossene Luft samt Rest-CO2 zu verdrängen. Das ist mit Röntgen-Mikrotomographie gemessen.

In derselben Zeit quellen die Partikel um rund 15 Prozent. Der effektive Porendurchmesser fällt von etwa 200 auf 6 Mikrometer, die Permeabilität um etwa das Tausendfache. Der Strömungswiderstand entsteht also überwiegend durch Quellung, nicht durch Verdichtung.

Dass Pre-Infusion den Körper verdoppelt, ist nicht belegt. Die einzige uns bekannte Messreihe zu Pre-Infusion-Dauer und Mundgefühl findet sogar den gegenteiligen Trend. Wir schreiben das hin, auch wenn es die schönere Geschichte kaputtmacht.

Die Wasserfront: 5 bis 10 Sekunden

Bis vor Kurzem war die Anfangsphase eine echte Forschungslücke. Cameron und Hendon schreiben 2020 in Matter ausdrücklich, ihr Espresso-Modell sei erst gültig, nachdem die Flüssigkeitsinfiltration stattgefunden hat. Die meistzitierte Espresso-Modellierung sagt also selbst, dass sie über Pre-Infusion nichts aussagt.

2025 haben Foster und Kolleginnen das erstmals direkt gefilmt – mit einem rotierenden Röntgensystem, das die Infiltrationsfront über den Dichtekontrast verfolgt. 2026 folgte eine Arbeit von Waszkiewicz und Kolleginnen mit Röntgen-Mikrotomographie bei 20 Mikrometer Auflösung, Drucksensorik und einem poroelastischen Modell. Deren Beschreibung der ersten Sekunden ist ungewöhnlich anschaulich: Wasser dringt in ein komplexes Porennetzwerk ein, das mit Luft und Rest-Kohlendioxid gesättigt ist, und muss dieses Gas erst herausdrängen.

Animation 1 · Die Wasserfront durchdringt den Puck
Kaffeepuck im SiebWasserLuft + CO₂werden verdrängtDauer bis zur vollständigen Perkolation: 5 bis 10 SekundenGemessen mit Röntgen-Mikrotomographie · Waszkiewicz et al. 2026, Physics of Fluids

Genau in diesem Fenster entscheidet sich, ob das Bett gleichmässig gesättigt wird. Ist es das nicht, sucht sich das Wasser danach unter vollem Druck den schnellsten Weg – Channeling.

Quellung statt Verdichtung

Der zweite Befund korrigiert die übliche Barista-Erzählung. Gerne heisst es, der Puck werde vom Pumpendruck zusammengepresst und dadurch dichter. Waszkiewicz et al. messen etwas anderes: Geröstete Kaffeepartikel nehmen Wasser sehr schnell auf, die polysaccharidreiche Zellstruktur dehnt sich hygroskopisch aus. Unter der Einspannung im Sieb reduziert diese Quellung den freien Porenraum.

Animation 2 · Was die Quellung mit den Poren macht
Partikel quellen um rund 15 %Porendurchmesser: ca. 200 µm → ca. 6 µmPermeabilität des BettsFällt um rund drei Grössenordnungen,also etwa auf ein Tausendstel.Der Widerstand entsteht überwiegenddurch Quellung, nicht durch Verdichtung.Waszkiewicz et al. 2026 · Quellungswert ursprünglich nach Hargarten et al. 2020

Das erklärt auch, warum ein Shot mit langer Pre-Infusion später langsamer läuft: Der Puck hat mehr Zeit zum Quellen, bevor der volle Druck anliegt.

Peer-ReviewDieselbe Arbeit liefert noch zwei Zahlen, die gut zu merken sind: Der Druck, ab dem das Darcy-Verhalten endet und der Fluss sättigt, liegt bei 12 ± 3 bar. Und die TDS-Abklingzeit im Shot beträgt 8.8 ± 1.5 Sekunden – der grosse Teil dessen, was gelöst wird, löst sich früh.

Typische Drücke und Dauern

Hersteller unterscheiden zwei Dinge, die oft verwechselt werden. La Marzocco definiert Pre-Brew als kurzes Anfeuchten der Puckoberfläche in einer Aus-Ein-Sequenz und Pre-Infusion als kontinuierliche Sättigung bei niedrigem Druck, bevor der Pumpendruck ansteigt.

System Druck Dauer
La Marzocco Hersteller 3 bar oder Leitungsdruck 2–8 s empfohlen
Slayer Hersteller ab 0.5 bar einstellbar, typisch 2.5 bar variabel, Teil des Brew-Bands
Decent Espresso Hersteller drucklos bis ca. 6.8 bar je nach Profil Profil «Blooming» 30 s und mehr
Laborsetup Schmieder et al. 2023 Peer-Review Pre-Infusion bei 7 ml/s Hauptlauf 2.8–9.3 bar

Der Konsensbereich liegt also grob bei 0.5 bis 4 bar und 2 bis 10 Sekunden, mit drucklosen Bloom-Varianten als Sonderfall. Wie sich Pre-Infusion, Spitzendruck und ein fallendes Profil auf die Extraktion auswirken, kannst du im Druck-Profiling-Simulator ausprobieren.

Der Körper-Mythos, nachgeprüft

Nachgeprüft und nicht bestätigt
«10 Sekunden verdoppeln den Körper» – dafür gibt es keine Quelle

Wir haben akademisch, bei Herstellern und in der Community gesucht. Keine Publikation, keine Herstellerangabe, keine Messreihe berichtet eine Verdopplung des Körpers durch Pre-Infusion. Nicht einmal Hersteller, die daran kommerzielles Interesse hätten, behaupten das. Und die einzige uns bekannte direkte Messung zu Pre-Infusion-Dauer und Mundgefühl (10 gegen 20 gegen 30 Sekunden) fand bei längerer Pre-Infusion mehr Süsse, aber weniger Mundgefühl und sichtbar weniger Crema. Die Stichprobe war klein, und wir wollen daraus keine Gegenregel machen – aber die Richtung stimmt eben nicht.

Es gibt noch einen zweiten Punkt, bei dem in der Szene gern zwei Dinge vermischt werden. Cameron et al. (2020) belegen sehr gut, was Channeling kostet: Bei den feinsten Mahlgraden wurden bis zu 13.1 Prozent der Bettoberfläche nicht mehr erreicht. Sie belegen aber nicht, dass Pre-Infusion Channeling verhindert. Diese Brücke ist plausibel und wird von allen Herstellern behauptet, gemessen ist sie nicht.

Community-MessungWas es immerhin gibt, ist eine sorgfältige Messreihe über 24 Shots mit Live-Druck, Fluss und Waage. Deren Kernaussage: Die üblichen Pre-Infusion-Schritte reichen nicht aus, um den Puck vor der Extraktion vollständig zu sättigen. Eine eingefügte Pause von zehn Sekunden nach der Pre-Infusion senkte den Spitzenwiderstand des Betts deutlich. Das passt exakt zu den 5 bis 10 Sekunden aus der Röntgenmessung.

Was du also mit gutem Gewissen sagen kannst: Pre-Infusion sorgt dafür, dass der Puck gesättigt ist, bevor der volle Druck anliegt. Eine gleichmässigere Sättigung ist plausibel und die physikalische Grundlage dafür ist sauber gemessen. Dass der Körper sich verdoppelt, ist es nicht. Das ist unsere Sicht auf die Studienlage, und wir freuen uns, wenn jemand eine Studie kennt, die wir übersehen haben.

Warum frischer Kaffee anders reagiert

Das Coffee Excellence Center der ZHAW hat die Ausgasung gerösteter Bohnen zeitaufgelöst gemessen. Die Zahlen erklären viel:

Röstgrad Freigesetztes CO₂ (ganze Bohnen)
hell 2.5–2.8 mg/g
mittel 4.7–6.6 mg/g
dunkel 8.5–11.9 mg/g

Dazu ein Befund, der die Praxis direkt betrifft: Beim Mahlen werden bis zu 75 Prozent des eingeschlossenen Gases innerhalb von 80 Sekunden frei. Und helle Röstungen gasen am langsamsten aus – bei 35 Grad war die Ausgasung noch einen Monat nach der Röstung messbar. Das ist auch der Grund, warum wir kein Röstdatum in Tagen angeben: Die richtige Ruhezeit hängt vom Röstgrad ab, nicht vom Kalender.

Der Zusammenhang zur Pre-Infusion ist direkt belegt, soweit es die Physik betrifft: Das Wasser dringt in ein Medium ein, das mit Luft und Rest-CO2 gesättigt ist, und muss dieses Gas verdrängen. Je mehr Restgas, desto mehr ist zu verdrängen. Dass dieses Gas bei sehr frischem Kaffee Gegendruck aufbaut, die Benetzung ungleichmässig macht und dadurch Channeling begünstigt, ist die plausible Fortsetzung – kontrolliert nachgewiesen ist sie nicht. Wir kennzeichnen das als Hypothese, weil es eine ist. Wie sich Röstgrad und Frische auswirken, kannst du im Röstgrad- und Frische-Simulator durchspielen.

Häufige Fragen

Wie lange sollte die Pre-Infusion dauern?

Röntgenmessungen zeigen, dass die Wasserfront 5 bis 10 Sekunden braucht, um den Puck zu durchdringen und die Luft zu verdrängen. Herstellerempfehlungen liegen meist bei 2 bis 8 Sekunden, bei drucklosen Bloom-Profilen deutlich länger. Eine allgemeingültige optimale Dauer ist nicht belegt – wir empfehlen, mit dem eigenen Kaffee zu testen.

Verdoppelt Pre-Infusion den Körper des Espressos?

Nein, dafür gibt es keine Quelle. Weder in der wissenschaftlichen Literatur noch in Herstellerangaben findet sich eine solche Messung. Die einzige uns bekannte direkte Messreihe zu Pre-Infusion-Dauer und Mundgefühl fand bei längerer Pre-Infusion sogar mehr Süsse, aber weniger Mundgefühl und weniger Crema.

Was passiert während der Pre-Infusion im Kaffeepuck?

Das Wasser dringt in ein Porennetzwerk ein, das mit Luft und Rest-Kohlendioxid gesättigt ist, und verdrängt dieses Gas. Gleichzeitig quellen die Partikel um rund 15 Prozent. Dadurch fällt der effektive Porendurchmesser von etwa 200 auf 6 Mikrometer und die Permeabilität um etwa das Tausendfache.

Verhindert Pre-Infusion Channeling?

Das ist plausibel, aber nicht gemessen. Belegt ist, was Channeling kostet: Bei feinen Mahlgraden wurden bis zu 13.1 Prozent der Bettoberfläche nicht mehr erreicht. Dass Pre-Infusion das verhindert, wird von Herstellern behauptet, ist aber bislang nicht durch eine kontrollierte Studie abgesichert.

Braucht sehr frisch gerösteter Kaffee eine längere Pre-Infusion?

Sehr frischer Kaffee enthält mehr Rest-CO₂, das beim Brühen verdrängt werden muss. Dass deshalb eine sanftere oder längere Pre-Infusion hilft, ist verbreitete Praxis und physikalisch nachvollziehbar, aber nicht durch eine kontrollierte Studie belegt. Interessant: Helle Röstungen enthalten absolut weniger CO₂, gasen dafür am langsamsten aus.

Rösterei-Tipp

Ein Experiment, das mehr zeigt als jede Theorie: Nimm denselben Kaffee, einmal drei Tage nach der Röstung, einmal nach zwei Wochen, und fahr beide mit identischem Profil. Bei Cozy Chocolate und Nutty Delight siehst du den Unterschied im Fluss sofort. Wild Peach zeigt ihn im Glas. Notier dir, was du siehst – deine eigenen Daten schlagen jede Faustregel.

Wissenschaftliche Quellen

Waszkiewicz, R. et al. (2026) — Under pressure: poroelastic regulation of flow in espresso brewing. Physics of Fluids 38(6), 063113. (Röntgen-Mikrotomographie, 5–10 s Perkolation, ca. 15 % Quellung, Permeabilitätsabfall)

Foster, J. M. et al. (2025) — Dynamics of liquid infiltration into an espresso bed using time-resolved micro-computed tomography. Physics of Fluids 37(1), 013383. doi:10.1063/5.0245167

Cameron, M. I. et al. (2020) — Systematically Improving Espresso: Insights from Mathematical Modeling and Experiment. Matter 2(3), 631–648. doi:10.1016/j.matt.2019.12.019 (Modell ausdrücklich erst nach der Infiltration gültig)

Schmieder, B. K. L. et al. (2023) — Influence of Flow Rate, Particle Size, and Temperature on Espresso Extraction Kinetics. Foods 12(15), 2871. doi:10.3390/foods12152871

Smrke, S. et al. (2017) — Time-Resolved Gravimetric Method to Assess Degassing of Roasted Coffee. Journal of Agricultural and Food Chemistry 65(27). doi:10.1021/acs.jafc.7b03310 (ZHAW Coffee Excellence Center)

Smrke, S., Eiermann, A. & Yeretzian, C. (2024) — The role of fines in espresso extraction dynamics. Scientific Reports 14, 5612. doi:10.1038/s41598-024-55831-x

Hargarten, W. et al. (2020) — Swelling properties of roasted coffee particles. Journal of the Science of Food and Agriculture 100(11). doi:10.1002/jsfa.10440 (Quellungswert, hier über die Sekundärwiedergabe zitiert)

Herstellerangaben: La Marzocco (Pre-Brew vs. Pre-Infusion), Slayer (Ramp-up ab 0.5 bar), Decent Espresso (Profile).

Standorte: Coffee Coaching Club GmbH — Showroom & Café Zürich: Hagenholzstrasse 50b, 8050 Zürich · Showroom & Café Bern: Gerberngasse 44, 3011 Bern