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  • Kaffeegeschichte: Von Äthiopien bis in die Schweiz

    16. Jun 2023
    Illustration einer historischen Kaffeekanne mit Dampf

    Die Geschichte des Kaffees besteht zu einem guten Teil aus Geschichten. Wir haben getrennt, was belegt ist und was Legende – und dabei einen Schweizer Teil gefunden, der sonst kaum vorkommt: Dieses Land hält 20 180 Tonnen Kaffee als Pflichtlager.

    Vorweg: Legenden sind nicht wertlos. Sie erzählen, was Menschen über den Kaffee dachten. Sie sind nur keine Quellen – und wir sagen dazu, was welches ist.

    Woher stammt der Kaffee?

    Aus Südäthiopien. Das ist die einzige Aussage über den Ursprung, die in der wissenschaftlichen Literatur unstrittig ist. Die wilden Bestände von Arabica liegen in den Bergwäldern im Südwesten des Landes.

    Animation 1 · Acht belegte Daten auf einer echten Zeitachse

    Echte Zeitachse 1450–195011470/7121511315554158251618616857191281938145015501650175018501950227 Jahre ohne Station
    Jahr urkundlich belegtJahr unsicher: zugeschrieben oder nur indirekt datiertlaufende Marke: gleichmässig durch die Zeit

    Gleich lange Strecke = gleich viele Jahre. Die Jahreszahlen stehen abwechselnd in zwei Reihen, damit sie sich nicht überlagern. Die Auswahl zeigt nur Ereignisse mit Quelle – das lange Loch ab 1685 heisst nicht, dass nichts geschah.

    1. 1470/71 · Jemen (Jahr unsicher) – Der Kaffee kommt in Gebrauch. Achtung, das ist ein Todesjahr: Dem Gelehrten al-Dhabhani wird der Kaffee nur zugeschrieben.
    2. 1511 · Mekka – Das erste Kaffeeverbot, von dem es eine Urkunde gibt. Der Marktaufseher Khair Beg ging dagegen vor. Ein Jahr später galt das Verbot nicht mehr.
    3. um 1555 · Konstantinopel (Jahr unsicher) – Die ersten grossen Kaffeehäuser einer Stadt. Davon berichtet nur ein osmanischer Chronist, und zwar viel später – deshalb das «um».
    4. 1582 · Augsburg – Der erste gedruckte Bericht über Kaffee in Europa. Der Arzt Leonhard Rauwolf beschreibt den «Chaube» nach seiner Reise 1573–1575.
    5. 1618 · Schweiz – Hier wird der Kaffee zum ersten Mal öffentlich erwähnt. Der Orientreisende Johann Jakob Ammann macht den «Türkentrank» bekannt.
    6. 1685 · Wien – Die erste amtliche Erlaubnis, Kaffee öffentlich auszuschenken. Am 17. Januar bekommt Johannes Diodato dieses «Privileg» vom Kaiser.
    7. 1912 · Schweiz – Die erste Fabrik für Kaffee ohne Koffein. Die Firma ist deutsch: Kaffee HAG aus Bremen, gegründet 1906. Nur die Fabrik stand hier.
    8. 1938 · Orbe, Waadt – Nescafé kommt auf den Markt, am 1. April, entwickelt von Max Morgenthaler. Eine Museumsquelle nennt 1937 – wir folgen 1938.

    Quellen in der Figur: Historisches Lexikon der Schweiz (1618, 1912, 1938) · Wien Geschichte Wiki (1685) · R. S. Hattox, Coffee and Coffeehouses 1985 (Jemen, Mekka) · Ibrahim Peçevi, 17. Jh. (Konstantinopel).

    So liest du sie: Die Zeitachse ist echt. Gleich lange Strecken sind gleich viele Jahre – deshalb siehst du sofort, dass zwischen der Wiener Erlaubnis von 1685 und der Schweizer Entkoffeinierungsfabrik von 1912 eine Lücke von 227 Jahren liegt. Gefüllte Punkte heissen: Das Jahr steht in einer Urkunde oder einem gedruckten Werk. Offene, gestrichelte Punkte heissen: Das Jahr ist nur zugeschrieben oder indirekt erschlossen. Die alte Fassung dieser Grafik zeichnete alle acht Stationen im gleichen Abstand und nannte sich «nicht massstäblich» – gelesen wurde sie trotzdem als Zeitverlauf. Das haben wir korrigiert. Ebenso «1470/71 Aden: al-Dhabhani»: Das ist sein Sterbejahr, kein Kaffee-Ereignis; das steht jetzt in der Figur.

    Was ist an der Kaldi-Legende dran?

    Die Geschichte kennt jeder: Ein Ziegenhirte namens Kaldi bemerkt, dass seine Tiere nach dem Fressen bestimmter roter Früchte nicht schlafen. Ein Mönch probiert die Früchte, bleibt wach beim Gebet, und der Kaffee ist entdeckt.

    Für diese Geschichte gibt es keine zeitgenössische Quelle. Gedruckt erscheint sie erstmals 1671, in einer Schrift des maronitischen Orientalisten Antonio Fausto Naironi, erschienen in Rom. Datiert wird das angebliche Ereignis meist auf das 9. Jahrhundert – rund achthundert Jahre vor der ersten Niederschrift. Auch der Schweizer Branchenverband führt sie ausdrücklich unter der Überschrift „Die Legende“.

    Der Name „Kaldi“ taucht in der von uns geprüften Fachliteratur zur frühen Kaffeegeschichte überhaupt nicht auf. Wer eine Jahreszahl dafür nennt, nennt eine Zahl ohne Quelle.

    Wie kam der Kaffee in den Jemen?

    Hier wird die Quellenlage besser. Die früheste greifbare Überlieferung nennt den Sufi-Gelehrten Muhammad al-Dhabhani, der den Kaffee in Aden verbreitet haben soll. Sein Sterbedatum ist durch zwei unabhängige arabische Quellen belegt: 875 nach islamischer Zeitrechnung, also 1470 oder 1471.

    Der soziale Zusammenhang ist der interessante Teil: Kaffee wurde im Umfeld der Sufi-Orden getrunken, um beim nächtlichen Gottesgedenken wach zu bleiben. Von dort verbreitete er sich unter Gelehrten und Handwerkern, „um Hilfe beim Studium und bei anderen Berufen und Handwerken zu suchen“, wie es in der Überlieferung heisst.

    Auch diese Darstellung ist nicht ohne Vorbehalt. Der Historiker Ralph Hattox, dessen Standardwerk unsere Hauptquelle für diesen Abschnitt ist, hält selbst fest, dass der Bericht insgesamt vage sei und mehr als nur ein wenig Legende enthalte – und dass schon der arabische Chronist, der ihn überliefert, am Ende skeptisch wird.

    Wann entstand das erste Kaffeehaus?

    Vor dem 16. Jahrhundert gibt es keinen Nachweis für eine Einrichtung, die man Kaffeehaus nennen könnte. Der erste Hinweis auf einen Ort, an dem Menschen zum Kaffeetrinken und zur Geselligkeit zusammenkamen, stammt aus dem amtlichen Bericht über die Ereignisse in Mekka 1511.

    Diese Ereignisse waren ein Verbot. In der Nacht auf Freitag, den 20. Juni 1511, ging Khaʾir Beg al-Miʿmar, Mamlukenstatthalter und Marktaufseher von Mekka, gegen den Kaffeekonsum vor. Es ist der erste ausführlich dokumentierte Versuch, Kaffee zu untersagen.

    Kairo erreichte der Kaffee im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts, zunächst im Umfeld der Azhar-Moschee, bald darauf in den Strassen ringsum. Nach Konstantinopel kamen Kaffee und Kaffeehaus laut dem osmanischen Chronisten Ibrahim Peçevi um 1555 als komplettes Paket – eingeführt von zwei Syrern namens Hakm und Shams.

    Für Konstantinopel kursiert häufig die Jahreszahl 1554. Die Fachliteratur schreibt „um 1555“ beziehungsweise „um die Mitte des 16. Jahrhunderts“. Wir bleiben deshalb bei „um 1554/55“ und legen uns nicht auf ein Jahr fest.

    Was ist an der Wiener Legende von 1683 dran?

    Nichts. Und das ist ungewöhnlich klar belegt.

    Die Erzählung: Nach dem Abzug der Osmanen von Wien 1683 bleiben Säcke mit Kaffeebohnen zurück, und Georg Franz Kolschitzky eröffnet damit das erste Wiener Kaffeehaus. Die Stadt Wien schreibt dazu in ihrem Stadtlexikon: „Dass Koltschitzky das erste Kaffeehaus in Wien eröffnet habe, trifft nicht zu“ – und bezeichnet die Geschichte als vom Historiker Karl Teply wissenschaftlich widerlegte Legende. Auch das Wien Museum führt das berühmte Bild des „ersten Kaffeehauses“ als Darstellung eines vermeintlichen Lokals.

    Entstanden ist die Legende erst 1783, hundert Jahre nach der Belagerung, verbreitet vom Piaristenpater Gottfried Uhlich. Belegt ist dagegen: Das erste Wiener Kaffeeschank-Privileg erhielt am 17. Januar 1685 der Armenier Johannes Deodat. Und schon 1645 wurden in Wien erstmals Ausgaben für Kaffee verbucht – für türkische Gesandte.

    Wann kam der Kaffee in die Schweiz?

    Die Kenntnis früh, das Getränk spät. In der Schweiz war es der Orientreisende Johann Jakob Ammann, der den „Türkentrank“ 1618 öffentlich bekannt machte. Das ist das früheste Datum, das das Historische Lexikon der Schweiz nennt.

    Cafés als Lokale entstanden dagegen erst im ausgehenden 18. Jahrhundert in den grösseren Städten, nach italienischem und französischem Vorbild. Bündner Zuckerbäcker, die schon im 18. Jahrhundert in Venedig und Oberitalien bekannt waren, hatten enge Verbindungen in die Welt der aufkommenden Kaffeehäuser.

    Bei den begüterten Städtern war Kaffeetrinken gegen Ende des 18. Jahrhunderts feste Gewohnheit. Auf dem Land verbreitete er sich als Milchkaffee oder Kaffeemus – im Tessin war er zur selben Zeit noch gar nicht üblich.

    Zu konkreten Kaffeeverboten in Schweizer Kantonen haben wir keine belastbare Quelle gefunden. Das Historische Lexikon der Schweiz spricht von „heftigen Kontroversen“ aus medizinischen, moralischen und ökonomischen Gründen, nennt aber keine Verbote. Die bekannten Verbote des 18. Jahrhunderts betreffen Preussen und Hessen, nicht die Schweiz – wer sie auf die Schweiz überträgt, tut das ohne Beleg. Ebenso wenig liessen sich Jahreszahlen für das erste Kaffeehaus in Zürich, Bern oder Basel verifizieren.

    Was hat die Schweiz zur Kaffeegeschichte beigetragen?

    Mehr, als man denkt – und das meiste davon in der Verarbeitung.

    Drei Schweizer Beiträge

    • 1912: erste Entkoffeinierungsfabrik. Die deutsche Kaffee-Handels-AG (HAG) eröffnete in der Schweiz die erste Fabrik zur Herstellung koffeinfreien Kaffees. Wichtig für die Einordnung: Kaffee HAG ist kein Schweizer Produkt. Firma und Verfahren stammen aus Bremen, wo die HAG 1906 gegründet wurde; in der Schweiz stand ab 1912 nur die Fabrik. Eine Schweizer Niederlassung in Feldmeilen gab es laut Firmengeschichte schon 1910.
    • 1938: Nescafé. Am 1. April 1938 kam der lösliche Kaffee auf den Schweizer Markt, entwickelt vom Chemiker Max Morgenthaler, produziert in Orbe im Kanton Waadt. Das Herstellungspatent wurde am 31. Dezember 1938 erteilt. Zwei Monate nach dem Schweizer Start folgte Grossbritannien, 1939 die USA; im April 1940 war Nescafé in 30 Ländern erhältlich.
    • Surrogate statt Bohnen. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren Ersatzprodukte aus Getreide, Feigen, Eicheln und vor allem Zichorien in der Schweiz gebräuchlicher als echter Kaffee.

    Zu Nescafé kursieren zwei Jahreszahlen. Das Historische Lexikon der Schweiz und Nestlé selbst nennen 1938; der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums nennt 1937, widerspricht sich dabei aber intern und datiert die eigenen Bildlegenden auf 1938. Wir folgen 1938.

    Der Swiss Water Process, das chemiefreie Wasser-Entkoffeinierungsverfahren, wird häufig als Schweizer Erfindung von 1933 bezeichnet. Belegt sind Firma und Standort der heutigen Anlage bei Vancouver sowie die Kommerzialisierung durch Coffex S.A. ab 1980. Für das Jahr 1933 und den Schweizer Ursprung haben wir keine Primärquelle gefunden – das Unternehmen selbst erhebt auf seinen Seiten keinen datierten Anspruch darauf.

    Warum lagert die Schweiz 20 000 Tonnen Kaffee?

    Weil Kaffee hier ein versorgungsrelevantes Gut ist – rechtlich verbindlich. Die Verordnung über die Pflichtlagerhaltung von Nahrungs- und Futtermitteln listet in Artikel 1 auf, was der Pflichtlagerhaltung unterstellt ist: Zucker, Kaffee, Reis, Speiseöle und -fette sowie Getreide und Futtermittel.

    Animation 2 · Der Kaffeevorrat der Schweiz

    Wie viel Kaffee die Schweiz auf Lager hat20 180Tonnen Rohkaffee17Firmen20 640Ziel Ende 2026Wie lange reicht der Vorrat?rund 3 Monate036912Monate Landesbedarf

    Stichtag 31. Dezember 2025 – neuere amtliche Zahlen gibt es noch nicht (Bericht: Juni 2026). Pflichtlager heisst im Klartext: Der Bund schreibt Firmen vor, wie viel Kaffee sie ständig auf Lager haben müssen. Bei Kaffee sind das 17 Firmen; sie sind in einer Genossenschaft zusammengeschlossen (réservesuisse). Bezahlt wird das über einen Zuschlag auf den Import.

    Die Achse für die Monate beginnt bei null und ist linear geteilt. 2019 wollte der Bund das Kaffeelager abschaffen: Kaffee liefere kaum Energie. Die Branche lehnte ab, der Bund zog zurück. 2023 wurde die Menge sogar erhöht – schrittweise bis Ende 2026.

    Quelle: réservesuisse, Geschäftsbericht 2025 (erschienen Juni 2026); Verordnung SR 531.215.11. Die «3 Monate» stammen von der réservesuisse. Je nach angenommenem Jahresverbrauch sind es 3 bis 4.

    So liest du sie: Der blaue Balken ist der Vorrat, die graue Fläche daneben der Rest eines Jahres. Die Achse beginnt bei null und ist gleichmässig in zwölf Monate geteilt – der Vorrat deckt also gut ein Viertel eines Jahres. Wir nennen jetzt den Stichtag in der Figur: Die Zahlen stammen vom 31. Dezember 2025, veröffentlicht im Juni 2026; neuere amtliche Zahlen gibt es noch nicht. Statt «Pflichtlagerhaltung» und «Genossenschafter» steht in der Figur jetzt, was gemeint ist: Der Bund schreibt 17 Firmen vor, ständig Kaffee auf Lager zu halten.

    2019 schlug der Bund in einer Vernehmlassung vor, Kaffee nicht mehr als lebensnotwendiges Gut einzustufen – mit der Begründung, Kaffee enthalte praktisch keine Energie, weil er arm an Proteinen und Fetten sei. Die Pflichtlager sollten bis Ende 2022 abgebaut werden.

    Die Branche lehnte im Sommer 2019 mit einem klaren Votum ab. Das zuständige Departement zog den Antrag daraufhin zurück und beantragte dem Bundesrat die Weiterführung. 2023 wurde die Pflichtlagermenge sogar erhöht, von 18 750 auf 20 640 Tonnen bis Ende 2026.

    Stand Ende 2025: 20 180 Tonnen, gelagert von 17 Genossenschaftern, ausreichend für rund drei Monate Landesbedarf – das ist eine Modellrechnung der réservesuisse aus einem angenommenen Jahresverbrauch, je nach Annahme sind es drei bis vier Monate. Für die Lagerhaltung wurden rund 3,3 Millionen Franken Entschädigung ausbezahlt, umgerechnet 16.50 Franken je 100 Kilogramm.

    Wie viel Kaffee trinkt die Schweiz?

    Für 2025 nennt der Branchenverband Procafé einen Pro-Kopf-Verbrauch von rund 9 Kilogramm auf Basis Rohkaffee bei einem Inlandverbrauch von etwa 60 000 Tonnen. Historisch nennt das Historische Lexikon der Schweiz für die Jahre 1990 bis 1998 einen Durchschnitt von 8,6 Kilogramm – womit die Schweiz damals im europäischen Mittelfeld lag.

    SchätzungDrei Einschränkungen, die selten mitgeliefert werden. Erstens ist die 9-Kilo-Zahl ein hochgerechneter Durchschnitt eines Branchenverbands, kein gemessener Verbrauch und keine amtliche Statistik; Procafé weist selbst darauf hin, dass die 60 000 Tonnen für 2025 nicht dem Dreijahresschnitt von rund 84 000 Tonnen entsprechen. Zweitens ist die Schweiz ein grosser Reexporteur: 2025 wurden rund 234 000 Tonnen Kaffee importiert und rund 174 000 Tonnen exportiert. Ranglisten, die auf Importzahlen beruhen, überschätzen den Schweizer Konsum deshalb systematisch. Eine belastbare internationale Rangliste konnten wir nicht prüfen – die entsprechenden ICO-Daten sind kostenpflichtig. Drittens passt die 9 nicht zu den 60 000 Tonnen: Auf rund neun Millionen Menschen gerechnet ergeben 60 000 Tonnen etwa 6,7 Kilogramm. Auf 9 Kilogramm kommt man erst mit dem Dreijahresschnitt von 84 000 Tonnen. Wir nennen beide Zahlen so, wie Procafé sie nennt, und rechnen sie nicht um.

    Häufige Fragen zur Geschichte des Kaffees

    Woher stammt der Kaffee ursprünglich?

    Aus Südäthiopien. Von dort gelangte er in den Jemen, wo im 15. Jahrhundert der erste nachweisbare Konsum und Anbau begann. Nach Europa kam die Kenntnis davon erst 1582 durch den Reisebericht des Augsburger Arztes Leonhard Rauwolf.

    Was ist an der Geschichte vom Ziegenhirten Kaldi dran?

    Sie ist eine Legende, keine überlieferte Geschichte. Es gibt keine zeitgenössische Quelle dafür. Gedruckt erscheint sie erstmals 1671 in einer Schrift des maronitischen Gelehrten Antonio Fausto Naironi in Rom – also rund achthundert Jahre nach dem angeblichen Ereignis.

    Wer hat den Kaffee im Jemen verbreitet?

    Nach der überlieferten Darstellung der Sufi-Gelehrte Muhammad al-Dhabhani, der 1470 oder 1471 starb. Kaffee wurde im Umfeld der Sufi-Orden beim nächtlichen Gottesgedenken getrunken, um wach zu bleiben – der früheste dokumentierte soziale Zusammenhang des Kaffeekonsums.

    Wann gab es das erste Kaffeeverbot?

    1511 in Mekka. Der Mamlukenstatthalter und Marktaufseher Khaʾir Beg al-Miʿmar liess in der Nacht auf Freitag, den 20. Juni 1511, gegen den Kaffeekonsum vorgehen. Das ist der erste ausführlich dokumentierte Verbotsversuch.

    Stimmt die Geschichte, dass die Türken 1683 Kaffee vor Wien zurückliessen?

    Nein. Die Stadt Wien und das Wien Museum bezeichnen die Erzählung um Georg Franz Kolschitzky ausdrücklich als wissenschaftlich widerlegte Legende. Sie wurde erst 1783, hundert Jahre nach der Belagerung, von einem Piaristenpater verbreitet. Das erste Wiener Kaffeeschank-Privileg erhielt am 17. Januar 1685 der Armenier Johannes Deodat.

    Wann kam der Kaffee in die Schweiz?

    Der Orientreisende Johann Jakob Ammann machte den „Türkentrank“ 1618 in der Schweiz öffentlich bekannt. Cafés als Lokale entstanden allerdings erst im ausgehenden 18. Jahrhundert in den grösseren Städten, nach italienischem und französischem Vorbild.

    Was hat die Schweiz zur Kaffeegeschichte beigetragen?

    Vor allem den löslichen Kaffee: Nescafé kam am 1. April 1938 auf den Schweizer Markt, entwickelt vom Chemiker Max Morgenthaler und produziert in Orbe im Kanton Waadt. Bereits 1912 hatte die deutsche Kaffee-Handels-AG in der Schweiz die erste Fabrik für koffeinfreien Kaffee eröffnet.

    Warum lagert die Schweiz Kaffee als Pflichtlager?

    Weil Kaffee in der Verordnung über die Pflichtlagerhaltung von Nahrungs- und Futtermitteln als versorgungsrelevantes Gut aufgeführt ist. Ende 2025 lagerten 17 Genossenschafter 20 180 Tonnen, genug für rund drei Monate Landesbedarf – eine Modellrechnung aus einem angenommenen Jahresverbrauch, je nach Annahme drei bis vier Monate. Ein Vorschlag zur Abschaffung scheiterte 2019 am Widerstand der Branche.

    Wo diese Geschichte anfängt, kannst du sie trinken

    Der Anfang dieser ganzen Reise liegt in den Bergwäldern Äthiopiens – und genau von dort kommen zwei unserer Kaffees. Bright Cassis und Wild Peach wachsen auf der Tero Farm in der Region Guji, auf 1800 bis 2200 Metern, als Heirloom-Varietäten auf Vulkanboden.

    Das ist kein Rekonstruktionsversuch und kein „so hat es damals geschmeckt“ – solche Behauptungen kann niemand belegen. Es ist schlicht dieselbe Gegend, aus der der Kaffee kam, bevor er den Jemen, Wien, Paris und irgendwann die Schweiz erreichte. Wer die andere Seite der Geschichte im Glas haben will, den italienischen Espresso mit Körper und Crema: Cozy Nut oder Very Nutty, unser reiner Robusta aus Südindien.

    Beides gehört zu derselben Geschichte. Was davon in deine Tasse gehört, entscheidest du – wie immer.

    Und jetzt?

    Das Schönste an dieser Geschichte ist, dass sie an fast jeder Stelle ein soziales Ereignis war, bevor sie ein wirtschaftliches wurde. Kaffee war zuerst ein Getränk für nächtliche Gebete, dann für Gelehrte, dann für Zeitungsleser und politische Debatten – und erst danach eine Ware mit Börsenpreis und Pflichtlager.

    Wer wissen will, was botanisch dahintersteckt: Arabica und Canephora. Wer den Weg einzelner Linien verfolgen will: Typica und Geisha. Und wer einfach nur einen guten Kaffee will: unsere Kaffeebohnen und die Workshops in Bern und Zürich. Wir sind United by Coffee – seit ungefähr 550 dokumentierten Jahren.

    Quellen und Einordnung

    • Angaben zu unseren eigenen Röstungen stammen aus unseren Produktdaten und sind Betriebsangaben.
    • Schweizer Kaffeegeschichte, Rauwolf 1582, Ammann 1618, Surrogate, HAG 1912, Nescafé 1938: Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel Kaffee (Albert Pfiffner) und Cafés (Lokale) (François de Capitani).
    • Jemen, Sufi-Orden, al-Dhabhani, Mekka 1511, Kairo, Konstantinopel: Ralph S. Hattox, Coffee and Coffeehouses. The Origins of a Social Beverage in the Medieval Near East, University of Washington Press, 1985.
    • Kaldi-Legende, Erstdruck 1671: Antonio Fausto Naironi, De saluberrima potione cahue, seu cafe nuncupata discursus, Rom 1671; Einordnung als Legende auch bei Procafé.
    • Wien: Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien, Artikel Kaffeehaus und Georg Franz Koltschitzky; Wien Museum, Online-Sammlung.
    • Nescafé: Nestlé Schweiz zum 75-jährigen Bestehen; Schweizerisches Nationalmuseum, Blogbeitrag zu Max Morgenthaler.
    • Pflichtlager: Verordnung über die Pflichtlagerhaltung von Nahrungs- und Futtermitteln, SR 531.215.11; réservesuisse, Geschäftsberichte 2019 und 2025; WBF, Vernehmlassungsunterlagen 2019 und 2023.
    • Verbrauchszahlen: Procafé, Statistische Angaben über Kaffee, 2026; Import- und Exportzahlen aus dem Geschäftsbericht 2025 der réservesuisse.
    • Nicht verifiziert und im Text als solche gekennzeichnet: konkrete kantonale Kaffeeverbote, Jahreszahlen für die ersten Kaffeehäuser in Schweizer Städten, das Jahr 1933 für den Swiss Water Process, eine internationale Verbrauchsrangliste.

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